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Menschlichkeit in der Abschiebehaft

„Was habe ich getan, dass ich im Gefängnis sitze?“ Das ist meist die erste Frage, die die Seelsorger in den Zellen der Abschiebehaftanstalt, der Gewahrsamseinrichtung für Ausreisepflichtige, in Ingelheim hören. Seit jetzt 20 Jahren kümmern sich der evangelische Pfarrer Uwe Rau und Pastoralreferentin Evi Lotz-Thielen mit der Rechtsberaterin Denise Honsberg-Schreiber um Menschen, die hinter einer Betonmauer und Stacheldraht auf ihre Abschiebung warten. Sie sind eingesperrt, damit ihre Abschiebung garantiert ist. Sie sind keine Kriminellen. Ihre Hoffnungen sind draußen geblieben. Die Frauen und Männer und ihre Familien haben sich manches Mal hoch verschuldet, sie haben sich unter Lebensgefahr nach Deutschland aufgemacht, sie haben teils gearbeitet, illegal, auf dem Bau oder in der Prostitution, teils sich gefreut, Verwandte sehen zu können, sind untergetaucht und haben sich auf der Straße durchgekämpft und jetzt heißt es Schluss. Wenn Papiere und Identität geklärt sind, geht es zurück in ein anderes EU-Land oder in ihre Heimat. Ihr Aufenthalt in der Abschiebehaft darf nicht länger als sechs Monate dauern. Es gibt aber Ausnahmen. 400 bis mehr als 600 Personen sitzen im Jahr in Ingelheim ein, 20 bis 40 gleichzeitig. Ihr illegaler Status wurde bei Grenz- oder Fahrscheinkontrollen oder Baustellenüberprüfungen festgestellt, in Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz und dem Saarland. Seit einiger Zeit kommen die Illegalen vermehrt aus Osteuropa, Albanien, Ukraine, Moldawien. „Wir sind frei uns ganz dem Menschen zuzuwenden, uns Zeit für sie zu nehmen, zu erfahren, was sie denken und fühlen und zu zeigen, wir sind ganz für euch da“, berichtet Pfarrer Rau und Lotz-Thielen fügt hinzu: „Wir suchen mit ihnen nach ihren Kraftquellen, was könnte ihnen helfen, diese Hilflosigkeit auszuhalten? Dieses Scheitern? Diese Angst? Wir möchten ihnen eine Ermutigung mitgeben. Gott wird bei ihnen sein.“ Auch leistet das Team praktische Hilfe, besorgt Koffer und Kleidung, geben finanzielle Rückehrhilfen oder sucht nach einer Anlaufstelle am neuen Ort, wo die Abgeschobenen Hilfe finden können. Sie halten Kontakt zu Angehörigen, was besonders wichtig ist, da Internet und Handy in der Haftanstalt verboten sind, und bieten Aktionen an, wie gemeinsames Malen, backen oder Psalmen lesen. Bei ihren Gottesdiensten im Sakralraum sind alle Plätze besetzt. Auch Muslime kommen gerne. Für sie gibt es einen eigenen Gebetsraum, aber keinen eigenen Seelsorger. „Wir erfüllen ein Bedürfnis. Bei uns gibt es auch ein Stück Normalität. Frauen und Männer sind gemeinsam hier, wir sitzen uns gegenüber. Wir suchen auch immer nach etwas, das die Religionen verbindet“, erklärt Lotz-Thielen. Doch wenn es um rechtliche Fragen geht, brauchen die Seelsorger die Unterstützung von Denise Honsberg-Schreiber. „Die Zusammenarbeit klappt sehr gut“, sind alle drei überzeugt. Ihre Stelle wird finanziert von der Caritas und der Diakonie. Möglicherweise wird sie Ende des Jahres allerdings gestrichen. Mit Anwälten und einem Pool an Übersetzern konnte 2020 in 32,2 Prozent der betreuten Fälle die Entlassung aus der Abschiebehaft erreicht werden. In zehn Prozent der Fälle konnte nachträglich die Rechtswidrigkeit der Haft festgestellt werden. Ein Rechthilfefond der Caritas und der Diakonie stellt die nötigen finanziellen Mittel zur Verfügung. Von der Politik würden sich die Engagierten in Ingelheim wünschen, dass die EU-Flüchtlingspolitik neu überdacht wird, insbesondere das Dublin-Abkommen. Mit diesen Regelungen würden häufig Familien auseinandergerissen, wenn sie in zwei verschiedenen Ländern angekommen sind. Es müsse auch mehr danach geschaut werden, wie die Situation in den Ländern ist, in die abgeschoben wird. Pfarrer Rau ist davon überzeugt, dass es mit gelungener Integration viele Probleme nicht geben würde. Integration, die gestaltet werden müsse, sei billiger als ein Platz in einem Abschiebegefängnis. „Abschiebehaft muss abgeschafft werden. Wenn man den Menschen hier eine Chance geben würde, bräuchten sie nicht verdeckt leben und bei Gefahr untertauchen. Niemand taucht freiwillig unter. Die meisten Menschen, bis auf wenige Ausnahmen, die ich hier erlebe, wollen sich in die Gesellschaft einbringen und sind oft gut ausgebildet“, meint er. So lange das Abschiebegefängnis besteht, wollen die drei weiter daran arbeiten, Menschlichkeit an den Ort der Gescheiterten zu bringen.

Theresa Breinlich
Glaube und Leben
August 2020